Archiv der Kategorie: Gedanken

Neulich auf dem Radweg

Neulich auf dem Radweg bei Tempo 20 krabbelt mir doch direkt ein Käfer vor die Felge. Nach einem beherzten Ausweichmanöver folgt mit etwas Verzögerung dann mein Abbremsen bis zum Stillstand, als ich sehe, dass mir noch zwei Rollerblade-Fahrer entgegenkommen. Der neugierige kleine schwarze Mistkäfer, der natürlich nicht den Hauch einer Ahnung hat, in welcher Gefahr er auf dem Radweg schwebt, würde mit seiner eingeschlagenen Krabbelrichtung mal mindestens sehr viel Glück, besser noch drei Schutzengel brauchen, um nicht unter einer der Rollen in den nächsten paar Sekunden zerquetscht zu werden.

Also schnell abgestiegen, das schon oft zum Einsatz gekommene Insektenrettungskärtchen aus dem Portemonnaie geholt und den kleinen Kerl schnell aufsammeln und in Sicherheit bringen. Denkste. Erstmal ziert sich der kleine Krabbler natürlich und schlägt mein freundliches Hilfsangebot durch ständige Richtungswechsel aus, aber mit etwas Zuspruch und schon leichter Hektik meinerseits, angesichts der nahenden Skater, greift er dann doch das rettende Kärtchen und ich bringe ihn wohlbehalten noch rechtzeitig ins hohe Gras am Rand, wo er dann auch gleich weiter weg vom Weg seines Weges zieht. Hübscher kleiner Kerl. Heute hat er Glück gehabt. Ich hoffe er hat noch viele weitere Käfertage vor sich und wird nicht, wie viele seiner Artgenossen, auf dem Radweg einfach überrollt.

Die Welt steht still

„Die Welt steht still“. Das hören wir zur Zeit in jeder Nachrichtensendung. Der ganze Globus ist derzeit im fest Coronagriff. Und für uns ändert sich derzeit vieles: Keine Reisen, keine Ausflüge, keine Parties, keine Freundschaftsbesuche, kein Kino, kein Vereinssport. Stattdessen ist zu Hause bleiben angesagt. Für viele Menschen muss es sich tatsächlich so anfühlen, als stehe jetzt alles in ihrem Leben still. Machen die genannten Aktivitäten doch für viele den Hauptanteil ihres Lebens aus. Auf den Straßen ist es leer, ganze Städte wirken wie ausgestorben und viele scheinen mit der plötzlichen Ruhe und dem nicht geschäftig sein überfordert zu sein.

Auch ich bin natürlich kein Einsiedler, aber jedes mal wenn ich den Satz „Die Welt steht still“ höre, sträubt sich in mir etwas. Ich schaue dann immer unwillkürlich aus dem Fenster oder gehe raus und sehe dann das genaue Gegenteil: Ein geschäftiges Treiben von Insekten, die ohne an irgendwelchen Autoscheiben zu zerschellen ihrer Aufgabe nachgehen, tausende von Vogelstimmen, die nicht gegen unsäglichen Maschinenlärm und einen ohrenbetäubenden Großstadtlärm ankämpfen müssen, um ihre Partner zu finden, Rehe und Füchse, die sich plötzlich tagsüber aus ihren Verstecken raus wagen und offen auf Wiesen stehen.

All das wirkt in diesen Tagen irgendwie ungetrübt und total intensiv. Klar ist gerade Frühling und die Natur erwacht sozusagen, aber über allem liegt in diesem Jahr eine betörend friedvolle Atmosphäre. Auch der Himmel scheint plötzlich leuchtendere Farben zu haben als sonst.

Und dann denke ich: „Das stimmt doch gar nicht, dass die Welt stillsteht. Die Welt atmet auf.“

Unser gesellschaftliches Leben, wie wir es kennen steht vielleicht still, aber durch unser Stillhalten hat die Natur in den letzten Wochen eine unvergleichliche, nie da gewesene Chance, Luft zu holen, eine Lücke in der immer weiter gesteigerten Geschäftigkeit der Menschen zu finden. Das wiederum kann auch uns Menschen nur gut tun. Gehen wir in die Natur, machen wir Erfahrungen, die wir so in den letzten Jahren nicht machen konnten. Sind wir einfach da und schauen, was diese besondere Zeit mit uns macht. Und vielleicht entdecken wir dann in der aktuellen Situation nicht nur ein Potenzial für Veränderung, sondern auch für unsere persönliche Entwicklung.

Carpe diem!